Social-Media Grundsätze: Wir haben Verantwortung für unsere Followerschaft
TL;DR: Wo wir sind, ist eine Aussage und beeinflusst ganz konkret, wo Menschen sind und bleiben. Angesichts jüngster politischer Zuspitzungen – nicht nur in den USA – müssen wir uns ehrlich machen und handeln.
Das wird jetzt etwas unbequem, aber es muss mal (wieder) gesagt werden: Viele von uns machen es sich zu einfach. Weil es auch zu einfach ist, dem auf den Leim zu gehen, was Agenturen seit mehr als 15 Jahren gebetsmühlenartig wiederholen – weil sie damit ihr Geld verdienen, entsprechende Dienstleistungen zu verkaufen. Der Mythos Reichweite (lest gerne den Blogbeitrag dazu zuerst (oder noch einmal)) sitzt so tief in uns drin wie der Glaube an das Hingehen wo die Zielgruppe ist.
Versuchen wir es mit einem Bild: Zu sagen, dass man zur Zielgruppe gehen muss und am besten zu einer der großen Plattform wo möglichst alle sind und die Reichweite besonders groß, ist wie eine Lesung in einem vollen Shopping Center oder Supermarkt zur Stoßzeit zu veranstalten statt in einer coolen Buchhandlung, die sich Mühe gibt, eure Lesung vorzubereiten. Nur dass im Supermarkt nur random Einkaufende überhaupt eine Nachricht kriegen, dass ihr da seid.
Zur Zielgruppe gehen zu müssen war von Anfang an ein Trugschluss und gilt nur für die allerwenigsten – und die Wahrscheinlichkeit, dass du, liebe:r Lesende:r zu den Wenigen gehörst, ist sehr gering außer du bist eine NGO, eine Stadtverwaltung oder ein Medienhaus. Für die gilt durchaus, dass sie möglichst viele erreichen sollten. Die andere Ausnahme sind Menschen, die eine Zielgruppe haben, zu der sie selbst überhaupt nicht gehören, wie Ü40-Jährige, die für Jugendliche schreiben. Auch für die ergibt es durchaus Sinn, zumindest mit einem Autor:innen-Account dort ansprechbar zu sein, wo die Zielgruppe ist – und den dann auch sinnvoll zu bespielen und zu betreuen. Viel Spaß bei Snapchat. Aber selbst für all die gilt der nächste Satz nicht, der dann immer noch kommt. Man muss nämlich erst recht nicht überall sein.
Die Zielgruppe kommt also zu euch, weil ihr mit eurer Anwesenheit in einer Umgebung, in der ihr euch wohlfühlt, ganz menschlich kommuniziert und das auch ausstrahlt. Grundsätzlich aber gilt: Wo wir sind, ist eine Aussage und bringt Verantwortung mit sich. Wir alle haben Verantwortung für unsere Followerschaft. Wo wir sind, beeinflusst andere, dort zu sein und dort zu bleiben.
Die anderen Artikel zu Social Media Grundsätzen sind ja schon ein paar Monate alt, aber ein wichtiger Aspekt wird gerade jetzt, wo die US-Plattformen (also Instagram, Facebook, X/Twitter …) massiven Änderungen unterzogen sind, noch einmal wichtiger. Lasst es mich am Beispiel zeigen:
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„Solange Anna, Fenna und meine anderen Schriftstellerinnen im Facebook bleiben möchte ich das auch behalten.“ Das schreibt eine Leserin, die auf Facebook einigen Autor:innen folgt und dort mit denen interagiert, seit sie die mal auf einer Buchmesse kennengelernt hat. Und ich wiederhole jetzt gerne, was ich auch im Fediverse dazu geschrieben habe: Man muss keine Bestseller-Autorin sein, um Einfluss auf Menschen und deren Online-Verhalten zu haben. Völlig egal, ob wir 50, 500, 5.000, 50.000 oder noch mehr Folgende haben. Wo wir für Menschen ansprechbar sind, hat einen ganz konkreten Einfluss darauf, wo diese Menschen sich aufhalten und bleiben. Für uns und das, was wir an Inhalten ins Netz geben.
Der Satz „Wir müssen dort hingehen, wo unsere Zielgruppe ist“, stimmt nicht. Denn wenn wir auf eine Plattform nur deswegen gehen, weil wir dort Marketing machen wollen, dann merken die Menschen das. Unsere Lesenden sind ja nicht doof. Wir sollten also immer dahin gehen, wo wir uns selbst wohl fühlen, denn dort werden wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Menschen treffen, die so ähnlich ticken wie wir. Und die deswegen auch unsere Kunst, unsere Musik, unsere Bücher mögen werden. Dort fällt es uns dann leicht(er), eine Community aufzubauen und wir interagieren dort gern mit den Menschen. Umgekehrt wird also ein Schuh draus: Nicht wir gehen dahin, wo die Community ist, sondern da wo wir sind und uns unsere Community aufbauen, da bleiben die Leute für uns.
Und das bedeutet, dass wir eine Verantwortung für unsere Communities haben. Das gilt auch für lokale Feuerwehren, Gemeindeverwaltungen, Geschäfte und alle anderen; looking at you, Freiwillige Feuerwehr und Gemeindeverwaltung meiner Heimat-Gemeinde in Norddeutschland! Und auch at you, Kurs- und Coachinganbieter mit nur einer (geschlossenen) Facebookgruppe zum Austausch mit den Teilnehmenden!
„Weiter so“ geht nicht mehr
Natürlich ist es bequem, einfach wie gewohnt weiter zu machen. Darauf ist unser Gehirn ja optimiert: Möglichst effizient alles in Routinen und Ritualen abarbeiten, um Energie zu sparen weil unsere Vorfahren vor 400.000 Jahren eben keinen Kühlschrank hatten. Im bequemeren Heute haben wir uns unsere Zielgruppe nun irgendwo aufgebaut, damit wir uns das Vorhaben, dorthin zu gehen, wo wir unsere Zielgruppe vermuteten, auch wahrgemacht haben. Nachträglich Hinrationalisieren kann unser Gehirn auch besonders gut. Und jetzt stehen wir da mit unserer Followerschaft, aber auf einer Plattform, auf der wir selbst keinen Zugriff auf den Verteiler haben, den haben nur die Algorithmen. Ein Königreich für einen Mailverteiler aller unserer Folgenden. Aber auch den haben wir nicht. Ein paar schlaue Menschen haben und bedienen Newsletter-Listen. Ich bin da auch nicht konsequent genug und nehme es mir immer wieder vor, Newsletter zu schreiben.
Trotz allem ist es jetzt aber an der Zeit, sich endlich der unschönen Wahrheit zu stellen: Facebook und Instagram haben mit Tag Eins der zweiten Amtszeit Trumps in den USA ihr Ablaufdatum gezeigt. Seit Trump im Amt ist, darf man dort völlig ungeahndet sagen, dass Frauen Haushaltsgegenstände sind, dass Rassismus toll ist und vieles mehr. Sowas geht einfach gar nicht. Und fast alle großen Tech-Firmen, denen wir so gerne anhängen, sind gleich Trumps Anweisung nachgekommen, Diversitätsprogramme und Frauenförderung einzustellen. Außer Apple.
„Aber das ist doch nur in den USA. So schlimm wird es schon nicht werden. Immerhin sind wir in Europa. Und deswegen müssen wir uns hier ja noch nicht bewegen. Meine Bubble ist ja auch nicht politisch, es wird sich also für mich nichts ändern. Das betrifft mich also nicht. Außerdem ist Mastodon zu kompliziert! Dann lieber zu Bluesky …“
So und ähnlich habe ich es von Menschen gehört/gelesen, die noch auf Facebook und/oder Instagram sind. Natürlich denken sie daran, dass es Moderation und auch noch Faktenchecks für die EU gibt. (Dafür hat Google gerade damit aufgehört, Fakten sicherzustellen. Und den Golf von Mexiko benennen sie nach Trumps Wünschen auch gleich in den Golf von Amerika um – und es wäre mir lieber, ich hätte mir so einen Schmu nur ausgedacht.) Aber: Eine Social-Media-Plattform besteht nur zum kleinsten Teil aus Moderation und Faktenchecks. Die härteste Wahrheit eines algorithmisch gesteuerten Netzwerks sind dessen Algorithmen und was die an Inhalten durchlassen und was nicht. Und welches Weltbild das für die Nutzenden erzeugt. Was kommen wird ist, dass die Inhalte auf Facebook, Instagram und Threads sich denen von X/Twitter annähern werden. Vielleicht erst unmerklich, aber doch. Und das wird etwas mit der Kommunikationskultur auf diesen Netzwerken machen, vielleicht auch erst unmerktlich, aber es wird kommen. Erste Beispiele waren schon da mit dem Blocken/Verstecken von feministischen, LGTBQ und demokratischen Hashtags.
Falls Menschen von Metas Plattformen weg möchte, Heise hat hilfreiche Artikel dazu, wie man die Daten bei Threads und Instagram exportiert und sichert. Der Artikel Threads-Account löschen – so klappt’s könnte auch interessant sein.
Aber TikTok!
Ein Wort zu TikTok und der vagen Hoffnung, dass wenn ein US-Konzern deren US-Geschäft kauft, man das ja noch bedenkenlos weiterbenutzen kann: Nein. Schon jetzt ist TikTok eine ganz schlechte Idee. Als chinesischer, staatsnaher Konzern werden dort die Daten der Nutzenden schonungslos ausgenutzt. Wir sehen nur wenig davon, denn China ist für uns eine große Blackbox. Aber die Augen zu verschließen ist trotzdem keine gute Idee.
Aber wir brauchen doch #Booktok, sonst verdienen wir nie wieder im Leben auch nur einen Cent mit unseren Büchern!
Auch das ist ein Trugschluss, der uns von unserem energiespar-liebenden Gehirn in vereinten Kräften mit Agenturen immer vorgesäuselt wird. Einfach weitermachen ist bequem. Dabei gibt es doch auch schon eine freie Alternative zu TikTok namens loops.video. Wie wäre es mit europäischen #Bookloops?
X/Twitter ist abgeschrieben
Dass X/Twitter nun wirklich keine Option mehr ist sollte spätestens seit dem öffentlichen Hitlergruß Elon Musks und seiner Zuschaltung zur AfD-Veranstaltung auch den Letzten klar geworden sein, dass die Plattform ihr Ablaufdatum schon lange überschritten hat. Entsprechend riecht es dort auch.
Dann lieber Bluesky?
Sicher? Ist halt das nächste Netzwerk, das von einem Silicon-Valley-Milliardär und Rechts-Schwurbler gegründet wurde. Außerdem hängen die momentan ziemlich in der Luft, wie sie ihr Finanzierungsmodell aufziehen wollen. Angeblich läuft grad eine neue Runde, wo sie neues Venture Capital bekommen, aber im Zweifelsfall ist meine Prognose: Demnächst kommt Werbung zusammen mit passenden Algorithmen und der ganze Tanz geht von vorne los. Und ja, angeblich kann das föderieren, allerdings nur mit sich selbst und ich kenne noch niemanden, der einen Bluesky-Server betreibt. Es gibt eine technische Brücke ins Fediverse, aber da kommen wir dann wieder zum selben Problem wie mit Threads: Das Toleranz-Paradoxon und die Frage danach, ob die Informationen der Menschen im Fediverse dann über die Brücke in die Mühlen des US-Netzwerks fließen, wo sie dank Patriot-Act für die US-Behörden zugänglich sind. Muss jetzt auch nicht sein, gerade in der aktuellen politischen Lage.
Es wird mit jedem Tag „teurer“
Ja, es kostet Energie. Alles, was nicht unseren Routinen entspricht kostet Energie. Aber je länger ihr wartet, desto schmerzhafter wird es. Und denkt immer an die Sunk-Cost-Fallacy, im deutschen auch hübsch mit Eskalierendes Commitment umschrieben. Nur weil wir früher mal eine Entscheidung für oder gegen etwas getroffen haben, tendieren wir dazu, dieser Entscheidung nachzuhängen, statt eine neue Entscheidung zu treffen. Insbesondere, wenn wir schon Geld, Mühe, Energie, Zeit etc. in die Sache der früheren Entscheidung investiert haben, glauben wir oft wir müssten damit immer weiter machen, damit es doch noch irgendwie was wird.
Ihr müsst jetzt Social Media nicht an den Nagel hängen. Aber euch gut überlegen, was ihr mit eurer Präsenz auf einer Plattform auch nach außen kommuniziert. Und falls ihr nicht den rechtslastigen Silicon-Valley-Milliardären ausgeliefert sein wollt – und vor allem auch nicht dafür verantwortlich sein wollt, dass Menschen dortbleiben – dann schaut eiuch doch mal die freien Netzwerke an. Es gibt das ganze Fediverse, das demokratisch aufgebaut und verwaltet ist. Ja, es wird eine Umgewöhnung werden. Aber es ist zumindest meines Erachtens eine, die sich lohnt.
Wenn ihr darauf wartet, dass die Masse sich bewegt, dann seid ihr Teil der Masse und nichts wird passieren. Denn eure Followerschaft hängt an euch und schaut gespannt, was ihr macht. Wie ihr euch positioniert. Übrigens durchauch auch politisch gemeint und ich hoffe, ich habe nur demokratisch denkende Personen unter meinen Lesenden. Sich nicht bewegen ist wie nicht wählen zu gehen. Das Eine beeinflusst den Ausgang der Wahl und das andere beeinflusst die Social-Media-Landschaft.
Vorschlag: Die freien Fediverse-Plattformen
Es geht auch ganz einfach: alle Inhalte aller Accounts, denen man folgt in einer Timeline, egal auf welcher Plattform diese Accounts sind. Von Mastodon über Peertube und Pixelfed – ja, es ist wirklich so einfach. Ich schreib euch jetzt wirklich bald einen neuen Fediverse Artikel. Es hat sich nämlich eine Menge getan. Hier ein kleiner Einblick:
- Twitter -> Mastodon / für Büchermenschen haben wir den Server literatur.social
- Instagram -> Pixelfed
- Facebook -> Friendica
- Facebook Events -> Mobilizon
- YouTube -> PeerTube
- Reddit -> Lemmy
- TikTok -> loops.video
- Goodreads -> Bookwyrm
- Podcast Hosting -> Castopod
- …
Das und viel mehr ist mittlerweile alles Teil des Fediverse – das Kofferwort aus „federated“ und „universe“. Eine Handvoll verschiedener Foren-Softwares (Kbin, Mbin, NodeBB), NextCloud, WordPress und weitere föderieren mittlerweile mit dem Fediverse und das freie Netzwerk wird täglich größer – und auch relevanter für uns Indies, um die Menschen und den Anschluss nicht zu verlieren.
Mit einem Account im Fediverse sind unsere Inhalte für alle sichtbar (wenn wir das wollen) und das ohne Algorithmus, der uns ghosten könnte. Wenn wir 500 Folgende haben, dann erreichen wir auch 500 Folgende und nicht nur die üblichen 10 bis 15 Prozent der angezeigten Follower:innen-Zahl. Die Menschen brauchen auch keinen Account dort auf der Plattform wo wir sind, um uns folgen zu können. Wen sie den RSS-Feed verwenden oder einfach über die Weboberfläche auf unser Profil schauen, brauchen sie überhaupt keinen Account. Und das Beste ist, dass das Fediverse von keinem Silicon-Valley-Milliardär gekauft und kaputt gemacht werden kann, weil es nämlich allen gehört.
Hier gibt es einen aktuellen Post für den Einstieg ins Fediverse.
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